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Business

Zukunftsindustrie und Jobmaschine

Als Kulturfaktor, Zukunftsindustrie, Schrittmacher der Digitalisierung und als Jobmaschine trägt die deutsche Filmwirtschaft reichlich Verantwortung. Im internationalen Vergleich könnte hierzulande mehr gefördert werden.

Bild oben: (Foto: ©blickgerecht _stock.adobe.com)
Eine große Tüte Pop­corn auf dem Schoß, dazu ein XXL-Getränk – der Ki­noabend kann be­gin­nen. Auch wenn das Genre „Wirtschafts­film“ weniger Herzsch­merz oder Fer­n­weh er­warten lässt, ist Span­nung doch zumeist garan­tiert. Über­he­bliche Börsen­zock­er bei waghal­si­gen Deals, smarte Im­mo­bilien­haie am Ende der Speku­la­tionsspi­rale oder ko­r­rupte Pol­i­tik­er am Tropf mächtiger Wirtschafts­bosse. Sie sitzen vielleicht ger­ade in einem der besten Wirtschafts­filme aller Zeit­en (sie­he­unsereTa­belle) und er­leben, wie sich ein Hol­ly­wood-Regis­seur die Welt der Wirtschaft vorstellt – mit Be­trug, Neid, Vorteil­s­nahme und aller­lei fie­sen Tricks, um an das Geld an­der­er Leute zu kom­men. Alles nur En­ter­tain­ment, aber keine wahren Geschicht­en!? Nun, eine große Por­tion Un­ter­hal­tung ge­hört sich­er auch in den Cock­tail, wenn Hol­ly­wood-Stars in Block­bustern die üble „Alles oder nicht­s“-Masche abzie­hen. Dabei ge­ht die Kalku­la­tion der großen Film­s­tu­dios auch zumeist noch auf. „Deut­lich mehr als die Hälfte aller Ki­nobe­such­er waren auch im Jahr 2016 we­gen eines Block­busters im Ki­no. Zwischen An­fang Jan­uar und Ende Dezem­ber wur­den 68 Mil­lio­nen Kinotick­ets – und damit 56 Prozent aller Ein­tritt­skarten – für ei­nen der 34 Filme gelöst, die im ver­gan­ge­nen Jahr eine Mil­lion Be­such­er und mehr er­reicht­en, darun­ter erneut sieben deutsche Pro­duk­tio­nen“, so die Film­förderungsan­s­talt (FFA) in Ber­lin, die ger­ade aktuell im Mai ge­mein­sam mit der Ge­sellschaft für Kon­sum­forschung (GfK) ihre jähr­liche Studie zur En­twick­lung der Ki­nobe­suche in Deutsch­land veröf­fentlicht hat.

Weniger Ki­nobe­such­er

(Foto: ©blickgerecht _stock.adobe.com)
(Fo­to: ©blick­gerecht _stock.adobe.com)

Für die Filmwirtschaft malt diese repräsen­ta­tive Studie allerd­ings ein be­sorg­nis­er­re­gen­des Bild. Zwar waren 2016 ins­ge­samt 25 Mil­lio­nen Men­schen min­destens ein­mal im Ki­no, die Zahl markiert aber ei­nen drastischen Rück­gang um 4,9 Mil­lio­nen Be­such­er (–16 Prozent) im Ver­gleich zum Vor­jahr. Damit lag die Be­sucher­reich­weite in der Ge­samt­bevölkerung mit 37 Prozent er­st­mals seit 2007 wied­er un­ter der 40-Prozent-Marke. Klein­er Licht­blick: die Be­suchs­in­ten­sität. Die wahren Ki­no­fans gin­gen wied­er häu­figer ins Ki­no – und zwar 4,7 Mal im Durch­sch­nitt (2015 waren es 4,5 Be­suche). Die besten und häu­fig­sten Kinogänger fin­d­en sich in der Al­ter­sziel­gruppe von 30 bis 39 Jahren. Die Ur­sachen für die­sen Be­sucher­rück­gang mö­gen so vielfältig sein, wie die Zu­nahme der Zahl son­stiger, vi­sueller Vergnü­gun­gen groß ist. In ein­er Zeit, wo selbst schon das klas­sische Fernse­hen auf dem besten Weg ist, die jun­gen Al­ters­grup­pen zu ver­lieren, wo On­line-Por­tale die span­nen­deren Filme und Se­rien zei­gen, und zwar al­lzeit ver­füg­bar auf dem Smart­phone, und sch­ließlich in einem Um­feld, wo es Tech­nolo­giekonz­erne geschafft haben, die Kam­er­at­ech­nik so klein, leis­tungs­fähig und zu­gleich preisw­ert zu ges­tal­ten, dass es kaum noch tech­nisch­er sowie fi­nanzieller Res­sour­cen be­darf, ei­nen an­sprechen­den Film zu pro­duzieren, in die­sem Span­nungs­feld verzeich­net die Filmwirtschaft nicht et­wa ei­nen Nied­er­gang – im Ge­gen­teil wächst die Zahl klein­er und klein­ster Pro­duk­tions-Agen­turen oder Free­lancer, be­haupten sich langjährig er­fahrene Pro­duk­tions­fir­men mit ihrem fach­lich-pro­fes­sionellen Er­fahrungsvor­sprung, fin­d­en im­mer mehr krea­tiv-un­kon­ven­tionelle Filme­mach­er neue Auf­tragge­ber und son­nen sich zuneh­mend selb­st­be­wusste Pro­ta­g­on­is­ten als Darsteller vor der Kam­er­alinse. Pro­duzent, Kam­era­mann und Top Act in ein­er Per­son, das ist keine Utopie mehr.

Kul­tur- und In­no­va­tions­fak­tor

Dirk Wiese, parlamentarischer Staatssekretär bei der Bundesministerin für Wirtschaft und Energie (Foto: Foto-AG Gymnasium Melle)
Dirk Wiese, par­la­men­tarisch­er Staatssekretär bei der Bun­des­min­is­terin für Wirtschaft und En­ergie (Fo­to: Fo­to-AG Gym­na­si­um Melle)


„Die Filmwirtschaft ist ein wichtiger Wirtschafts­fak­tor in Deutsch­land“, be­tonte da­her auch Bun­deswirtschafts­min­is­terin Brigitte Zy­pries, als sie eine vom BMWi beauf­tragte Branchen­s­tudie zur Be­deu­tung der Fil­min­dus­trie im Fe­bruar die­s­es Jahres der Öf­fentlichkeit vorstellte. „Der Pro­duk­tion­sw­ert der deutschen Filmwirtschaft be­lief sich im Jahr 2014 auf 24,5 Mil­liar­den Eu­ro. Der Bei­trag zur Wirtschaft­sleis­tung (Brut­tow­ertschöp­fung) beläuft sich auf rund 13,6 Mil­liar­den Eu­ro. Die Zahl der in der Filmwirtschaft beschäftigten Er­werb­stäti­gen be­trägt rund 161.000 Per­so­n­en“, zi­tiert die „Al­lianz Deutsch­er Pro­duzen­ten – Film & Fernse­hen e.V.“ einige Zahlen und Fak­ten der Studie und sie­ht die sig­ni­fikante Ver­flech­tung der Branche in der Volk­swirtschaft als bestätigt: „Dem­nach wer­den pro Eu­ro di­rek­ter Brut­tow­ertschöp­fung aus den Ker­nak­tiv­itäten der Filmwirtschaft ins­ge­samt 1,60 Eu­ro an Wertschöp­fung in der Volk­swirtschaft re­al­isiert. Jed­er di­rekt Beschäftigte ergibt ei­nen Ge­samt­ef­fekt von 2,1 Er­werb­stäti­gen.“ „Es sind beein­druck­ende Zahlen und Sch­luss­fol­gerun­gen, die das Bun­deswirtschafts­min­is­teri­um vorgelegt hat“, erk­lärte dazu Alexan­der Thies, Vor­sitzen­der der Pro­duzen­te­nal­lianz. „Ich hoffe, dass das En­gage­ment des BMWi in dies­er Sache dazu bei­tra­gen wird, dass unsere Branche als das wahrgenom­men wird, was sie ist: ein­er­seits der zen­trale Erzeuger von Kul­tur in unserem Land, an­der­er­seits aber eben auch Zukunftsin­dus­trie, Schritt­mach­er der Dig­i­tal­isierung und Job-Mas­chine.“

50 Jahre Wirtschafts­film­preis

Brigitte Zypries, Bundesministerin für Wirtschaft und Energie (Foto: Susie Knoll)
Brigitte Zy­pries, Bun­des­min­is­terin für Wirtschaft und En­ergie (Fo­to: Susie Knoll)

Dabei verbin­det der Ver­bandsvor­sitzende die Stu­di­en­ergeb­nisse auch gleich als Steil­vor­lage mit der An­re­gung, doch die Be­träge der staatlichen Film­förderung zu er­höhen, denn die Er­fahrung zeige, dass sie keine „ver­lorene Sub­ven­tion“ sei, son­dern dass die „durch Film­förderung aus­gelösten Fol­gein­vesti­tio­nen ei­nen He­bel­ef­fekt je einge­set­ztem Eu­ro von 1,25 bis 7,40 Eu­ro Brut­tow­ertschöp­fung“ ergeben wür­den. Alexan­der Thies weit­er: „Diese Erken­nt­nis ist für uns nicht neu. Dass sie jet­zt aber auch vom Wirtschafts­min­is­teri­um bestätigt wird, nährt unsere Hoff­nung auf eine wirkungsvolle filmische In­dus­trie­pol­i­tik, mit der sich die deutsche Filmwirtschaft ihrem Po­ten­tial gemäß en­twick­eln kann.“ Dass hier­bei ger­ade das Genre des Wirtschafts­films im gleich­nami­gen Min­is­teri­um eine her­aus­ge­hobene Rolle spielt, macht der „Deutsche Wirtschafts­film­preis“ deut­lich, der in die­sem Juli zum 50. Mal vergeben wird und damit ein­er der tra­di­tion­s­reich­sten Film­preise in Deutsch­land ist. Er wurde in fünf Kat­e­gorien aus­gelobt: Wirtschafts­filme bzw. -re­por­ta­gen, Im­age­filme aus der Wirtschaft, Au­dio­vi­suelle Beiträge für dig­i­tale Me­di­en, Nach­wuchs­filme und sch­ließlich mit dem Son­der­preis „Deutsche Wirtschafts­geschichte“. „Filme kön­nen auf eine be­son­dere Art das Ver­ständ­nis und In­teresse für wirtschaftliche Zusam­men­hänge weck­en. Ich freue mich da­her auf viele span­nende Beiträge, ganz be­son­ders auch auf die Filme junger Filme­macherin­nen und Filme­macher“, sagte Dirk Wiese, par­la­men­tarisch­er Staatssekretär bei der Bun­des­min­is­terin für Wirtschaft und En­ergie, im Vor­feld der Preisver­lei­hung.

Film­förder­fonds stag­niert

Alexander Thies, Vorsitzender der Produzentenallianz
Alexan­der Thies, Vor­sitzen­der der Pro­duzen­te­nal­lianz

Aber wie ste­ht die deutsche Fil­min­dus­trie im in­ter­na­tio­nalen Ver­gleich da? Der Deutsche Film­förder­fonds, der als „An­reiz zur Stärkung der Film­pro­duk­tion in Deutsch­land“ 2013 noch 70 Mil­lio­nen Eu­ro zur Ver­fü­gung hatte, stag­niert –, nach An­gaben der Pro­duzen­te­nal­lianz –, derzeit bei 50 Mil­lio­nen Eu­ro pro Jahr. Hinge­gen habe im Novem­ber 2016 „das italienische Par­la­ment ein neues Film­förderungs­ge­setz beschlossen, nach dem die Fördergelder für die Film­pro­duk­tion um 60 Prozent (!) auf unge­fähr 400 Mil­lio­nen Eu­ro pro Jahr er­höht wer­den. Auch das Tax Cred­it-Sys­tem für die Fil­min­dus­trie wurde gestärkt: In­vesti­tio­nen im Film­bereich wer­den jet­zt mit Steuer­an­reizen bis zu 30 Prozent be­loh­nt.“ Dazu erk­lärt Uli Asel­mann, Vor­sitzen­der der Pro­duzen­te­nal­lianz-Sek­tion Ki­no: „Durch die stetige Stärkung z.B. der italienischen Film­förderung hat sich ein er­he­blich­es Know-how bei den Krea­tiv­en im Lande en­twick­elt, das in den Län­dern mit ein­er starken Be­wegt­bildin­dus­trie und in den Märk­ten über­pro­por­tio­n­al ge­fragt ist. Es ge­ht al­so nicht nur um die För­der­mit­tel, son­dern auch und vor allem um deren pos­i­tive Auswirkun­gen vor Ort. Deutsch­land wird von den an­deren eu­ropäischen Film­s­tan­dorten zuneh­mend abge­hängt.“ Während eu­ro­paweit neue För­der­mod­elle einge­führt oder aus­ge­baut wer­den, habe bei uns die Summe der kul­tur­wirtschaftlichen Film­förderun­gen 2015 den nie­drig­sten Stand seit 2009 er­reicht. Dabei seien die volk­swirtschaftlichen Ef­fekte bekan­nt, so Uli Asel­mann. Zurück in den Ki­noses­sel? Es gibt ei­nen Wirtschafts­block­buster der 80er-Jahre, den man sich auch heute noch mit viel Vergnü­gen an­schauen kann, und das liegt an der großarti­gen Be­set­zung mit Ed­dy Mur­phy und Dan Aykroyd: „Die Glück­s­rit­ter“. Wer es hinge­gen deftig-re­al­is­tisch mag, der sollte die sehr gut ge­macht­en Doku­men­ta­tio­nen aus unser­er Liste mal an­schauen. Es ist so­gar eine deutsche Top-Pro­duk­tion
dabei. Em­rich Wels­ing I re­dak­tion@re­vi­er-ma­n­ag­er.de

Ausgabe 06/2017



WEITERE INHALTE

Uli Aselmann, Vorsitzender der Produzentenallianz-Sektion Kino
Uli Aselmann, Vorsitzender der Produzentenallianz-Sektion Kino