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Business

Weniger Audit, mehr Beratung

Steuerberater und Wirtschaftsprüfer wachsen in Deutschland schneller als das Bruttoinlandsprodukt. Dabei geht der Konzentrationsprozess immer weiter.

Bild oben: Foto: ©Kzenon – stock.adobe.com
Im Fi­nanzzen­trum von Deutsch­land sind die großen Wirtschaft­sprü­fungs­ge­sellschaften nach­drück­lich präsent: KP­MG re­si­diert an der A3 am Frank­furter Flughafen in einem Ge­bäude, das einem ges­tran­de­ten Wal äh­nelt. Markt­führ­er PwC hat sein Domizil im vierthöch­sten Ge­bäude Deutsch­lands, einem 200-Me­ter-Tow­er mit­ten in „Main­hat­tan“. Zu den so­ge­nan­n­ten „Big Four“ ge­hören auch EY und De­loitte. Sie ste­hen für et­wa 83 Prozent des ge­samten Wirtschaft­sprü­fung­sum­fangs in Deutsch­land und ge­hen aus einem lan­gen Konzen­tra­tion­sprozess her­vor.

Mar­gen gestie­gen

Foto: ©Kzenon – stock.adobe.com
Fo­to: ©Kzenon – stock.adobe.com
Die Big Four kon­n­ten ihre Um­sätze im Jahr 2015 um 8,1 Prozent steigern; die 25 nach In­land­sum­satz führen­den Wirtschaft­sprü­fungs­ge­sellschaften (WPG) um 8,2 Prozent, so er­mit­telte das Markt­forschung­sun­terneh­men Lü­nen­donk, das jähr­lich die Spitze der Branche un­ter­sucht und gut 70 Prozent des Marktes ab­bildet. Im Mit­tel ka­men die un­ter­sucht­en Fir­men auf ein Plus von 6,4 Prozent und la­gen damit deut­lich über den ei­ge­nen Er­war­tun­gen.

Prü­fungs-Hon­o­rare un­ter Druck

Prof. Dr. Klaus-Peter Naumann, Vorstandssprecher Institut der Wirtschaftsprüfer (IDW)
Prof. Dr. Klaus-Peter Nau­mann, Vor­s­tandssprech­er In­sti­tut der Wirtschaft­sprüfer (IDW)

Das gute Wach­s­tum der Branche ist weniger auf die Ab­sch­lussprü­fung zurück­zuführen, son­dern vielmehr auf Steuer- und Rechts­ber­a­tung sowie Busi­ness Con­sult­ing, so die Beobach­tung von Jörg Hossen­felder, dem geschäfts­führen­den Ge­sellschafter von Lü­nen­donk. In die Strate­gie­ber­a­tung drän­gen die großen WPG seit Jahren hinein: „Davon abge­se­hen, dass De­loitte seit je­her Strate­gie­ber­a­tung in Deutsch­land an­bi­etet, kann der Aus­bau des Con­sult­ings so­wohl als Reak­tion auf die kom­plex­eren Kun­den­er­war­tun­gen als auch auf den gestie­ge­nen Hon­o­rar­druck bei der Ab­sch­lussprü­fung be­w­ertet wer­den“, so Hossen­felder.

Um­satzbringer Tax

Jörg Hossenfelder, geschäftsführender Gesellschafter Lünendonk & Hossenfelder GmbH
Jörg Hossen­felder, geschäfts­führen­der Ge­sellschafter Lü­nen­donk & Hossen­felder GmbH
Steuer­ber­a­tung (Tax) machte 2015 laut Lü­nen­donk 45,8 Prozent der Um­sätze in der Branche aus, die klas­sische Wirtschaft­sprü­fung (Au­dit) nur noch 34,1 Prozent – in die­sem Bereich wurde zehn Jahre zu­vor noch et­wa die Hälfte der Um­sätze erzielt. Die An­teile für Ad­vi­so­ry la­gen 2015 bei 10,1 Prozent und für Rechts­ber­a­tung bei 7,7 Prozent.

Gutes Per­so­n­al ge­sucht

Die Branche sie­ht vor allem die Rekru­tierung von qual­i­fiziertem Per­so­n­al und den er­höht­en Preiswett­be­werb als Her­aus­forderung an, außer­dem die Akqui­si­tion neuer Man­dan­ten, die zuneh­mende Dig­i­tal­isierung, die weitere Re­gle­men­tierung und die Sicherung der beste­hen­den Man­dan­ten­struk­tur. Ob­wohl Lü­nen­donk nur die größten Un­terneh­men der Branche be­fragt, wird die sich for­ten­twick­el­nde Mark­tkon­so­li­dierung von im­mer­hin fünf Prozent als „sehr großes“ und von im­mer noch 40 Prozent als „großes“ Problem ge­se­hen.

Chance in der Nische

Hi­er gilt es, sich klug aufzustellen: „Im Mit­tel­s­tand wer­den weit­er­hin selb­st­ständige Wirtschaft­sprü­fungs­ge­sellschaften er­fol­greich sein, auch wenn der Druck zu­n­immt“, sagt Jörg Hossen­felder. „In Nischen und mit Spezial-Know-how lässt sich gut wirtschaften. Der Druck wird eher bei den mit­tel­großen Wirtschaft­sprüfern zuneh­men.“ Chan­cen für die Kleineren der Branche sie­ht auch Klaus-Peter Nau­mann vom In­sti­tut der Wirtschaft­sprüfer in der Man­dan­ten­nähe, in der Rolle des „Hausarztes“ für Un­terneh­mer und je nach Si­t­u­a­tion auch in ein­er gewis­sen Spezial­isierung. „Es gibt zum Beispiel Wirtschaft­sprü­fungs­ge­sellschaften, die stark als In­sol­venzber­ater en­gagiert sind. Mit die­sem Know-how kann man Un­terneh­men, die in ein­er sch­wieri­gen Lage steck­en, dabei helfen, aus der sch­wieri­gen Si­t­u­a­tion her­auszukom­men“, sagt Nau­mann. „Ein solch­er Auf­bau von Know-how kann so­gar ei­nen Vor­sprung vor den größeren Wett­be­wer­bern geben – zu­min­d­est aber er­möglicht er es, auf Au­gen­höhe mit den großen Wett­be­wer­bern zu agieren.“ Denn ver­mut­lich wer­den die Big Four auf ab­se­h­bare Zeit die Big Four bleiben – aber es gilt für die kleineren Markt­teil­neh­mer zu ver­hin­dern, von dem mächti­gen Quar­tett ein­ver­leibt zu wer­den.

Claas Möller | re­dak­tion@re­vi­er-ma­n­ag­er.de

Ausgabe 08/2017