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Business

Konkurrenz von unten

Bei Energieversorgern können Gewerbekunden nicht nur besondere Konditionen aushandeln. Jedes fünfte Unternehmen produziert bereits seinen eigenen Strom.

Während ein vierköp­figer Pri­vathaushalt ger­ade ein­mal 5.000 Kilo­watt­s­tun­den im Jahr ver­braucht, haben Gewer­bekun­den ei­nen deut­lich höheren En­ergie­hunger. Bun­desweit an der Spitze ste­ht der Es­sen­er Alu­mini­umher­steller Trimet mit rund fünf Ter­rawatt­s­tun­den, was dem En­ergie­ver­brauch von ein­er Mil­lion Haushal­ten ent­spricht.
„Für Un­terneh­men hat der Fak­tor Ver­sor­gungs­sicher­heit ei­nen noch höheren Stel­len­w­ert als für Pri­vatkun­den. Darüber hi­naus ist der Preis ein ex­is­tenzieller Wett­be­werbs­fak­tor“, erk­lärt Dr. Di­et­mar Lin­den­berg­er, Mit­glied der Geschäft­slei­tung des En­ergiewirtschaftlichen In­sti­tuts an der Uni­ver­sität zu Köln (EWI). „Grund­sät­zlich ist in der Wirtschaft das Ziel­d­reieck der En­ergiev­er­sor­gung, das sich aus den Fak­toren Wirtschaftlichkeit, Ver­sor­gungs­sicher­heit und Umweltverträglichkeit der Ver­sor­gung zusam­menset­zt, von großer Be­deu­tung. Je nach Un­terneh­men sind diese As­pekte un­ter­schiedlich gewichtet.“
Bei der Wahl der En­ergie­bezugsquelle haben gewer­bliche Kun­den ver­schie­dene Möglichkeit­en. Während kleine Un­terneh­men eben­so wie Pri­vatkun­den in der Regel jähr­lich eine Abrech­nung bekom­men und mo­natliche Ab­sch­läge zahlen, kön­nen größere Gewer­bekun­den spezielle Lie­fer­kon­di­tio­nen aushan­deln. „Un­terneh­men, die über 100 Me­gawatt­s­tun­den pro Jahr ver­brauchen, sind leis­tungs­gemessene Kun­den. In die­sen Fällen wird der Ver­brauch in Echtzeit er­mit­telt“, sagt Dr. Se­bas­tian Bo­lay, Leit­er des Re­fer­ats En­ergie und Klimapol­i­tik des Deutschen In­dus­trie- und Han­del­skam­mer­tages (DIHK). Bei den Netzent­gel­ten wer­den nicht nur die ver­braucht­en Kilo­watt­s­tun­den in Rech­nung gestellt, son­dern auch die An­sch­lussleis­tung in Kilo­watt. „Aus die­sem Grund ver­suchen viele Kun­den
Strom möglichst gleich­mäßig zu bezie­hen. So wird beispiel­sweise bei der Nutzung von mehr­eren Walz­pressen da­rauf geachtet, dass nicht alle Maschi­nen gleichzeitig starten.“
Wurde ein Last­pro­fil er­stellt, kön­nen En­ergiev­er­sorg­er in­di­vi­du­elle Ange­bote machen. „Die meis­ten Kun­den kaufen dann so­ge­nan­nte Jahres­bän­der und zahlen ein Jahr lang ei­nen fes­ten Preis, un­ab­hängig von der zukünfti­gen Preisen­twick­lung.“ Es beste­ht auch die Möglichkeit, Verträge über ei­nen län­geren Zei­traum abzusch­ließen; da­durch kön­nen Preissch­wankun­gen ver­hin­dert wer­den. Allerd­ings birgt die­s­es Vorge­hen auch das Risiko, dass zum Zeit­punkt der Vere­in­barung der Preis am höch­sten ist. Ver­braucht ein Un­terneh­men mehr En­ergie als vere­in­bart, muss oft­mals zu einem er­höht­en Preis nachgezahlt wer­den. „In die­sen Fällen kann man aber in der Regel mit dem En­ergiev­er­sorg­er sprechen. Oft­mals ist er bere­it, die Kon­di­tio­nen kurzfristig zu än­dern. Sch­ließlich kön­nte der Kunde nach der Ver­trags­laufzeit den An­bi­eter wech­seln, wenn er nicht zufrie­den ist“, so Bo­lay weit­er.
Im­mer mehr Un­terneh­men ge­hen dazu über, sich selbst zu ver­sor­gen: „Die ei­gene Erzeu­gung von Strom und dessen Selb­stver­brauch wird in sämtlichen wirtschaftlichen Sek­toren zuneh­mend at­trak­tiv­er. Ge­fördert wird dies­er Trend durch sink­ende Kosten für Ei­gen­erzeu­gungsan­la­gen, stei­gende End­ver­braucher­preise für Strom und durch in­di­rekte staatliche An­reize, da für ei­gen­erzeugten und selbst ver­braucht­en Strom häu­fig stark re­duzierte Ab­gaben und Um­la­gen zu en­tricht­en sind“, führt Dr. Di­et­mar Lin­den­berg­er aus. Möglichkeit­en zur Eins­parung wür­den sich beispiel­sweise bei der EEG-Um­lage, KWK-Um­lage, Strom­s­teuer oder Um­satzs­teuer ergeben.
Laut IHK-En­ergiewende-Barom­e­ter haben bere­its 18 Prozent der Un­terneh­men eine ei­gene En­ergiev­er­sor­gung aufge­baut; acht Prozent setzen dies ger­ade um, und weitere 14 Prozent pla­nen die­s­es Vorhaben. Be­son­ders be­liebt sind Kraft-Wärme-Kop­plung und Fo­to­vol­taik. „Ent­ge­gen der weitläu­fi­gen Mei­n­ung ge­hen die Un­terneh­men nicht kom­plett vom Netz. Im Durch­sch­nitt erzeu­gen sie durch die Ei­gen­ver­sor­gung rund zehn Prozent des ge­samten Strombe­darf­s“, so Dr. Se­bas­tian Bo­lay. Dass dies­er An­teil höher als 30 Prozent ist, sei sel­ten. Allerd­ings wer­den neue Ei­gen­erzeu­gungsan­la­gen seit dem 1. Au­gust 2014 mit der EEG-Um­lage belegt. Zu­dem ist die EEG-Frei­heit für beste­hende An­la­gen nur bis 2017 gesichert.
Der Markt bleibt somit in Be­we­gung. „Die En­ergiewende ist so an­gelegt, dass sie das En­ergiev­er­sor­gungssys­tem fun­da­men­tal verän­dert. En­ergiev­er­sorg­er sind somit mit ein­er Vielzahl von Her­aus­forderun­gen kon­fron­tiert, die so­wohl Chan­cen als auch Risiken ber­gen“, sagt Dr. Lin­den­berg­er. „Volk­swirtschaftlich gilt es, die En­ergiev­er­sor­gung wirtschaftlich, sich­er und umweltverträglich zu ges­tal­ten.“ Auch Dr. Se­bas­tian Bo­lay rech­net mit weitreichen­den Verän­derun­gen: „In­vesti­tio­nen in En­ergie­ef­fizienz­maß­nah­men und in die Ei­gen­ver­sor­gung wer­den weit­er stei­gen – schon allein de­shalb, weil die Strom­preise bis 2020 deut­lich stei­gen und die Kosten für So­lar­mo­d­ule fall­en wer­den. Die Ver­sorg­er wer­den bei den Beschaf­fungs­möglichkeit­en im­mer flex­i­bler und sch­nüren zuneh­mend Run­dum-Pakete für die Kun­den, de­nen sie nicht mehr nur Strom lie­fern, son­dern auch be­r­a­tend zur Seite ste­hen. Sie wer­den sich mehr be­we­gen müssen, um ihre Kun­den zu hal­ten.“

Jes­si­ca Hell­mann | re­dak­tion@re­vi­er-ma­n­ag­er.de

Ausgabe 09/2014



WEITERE INHALTE

Dr. Dietmar Lindenberger, Mitglied der Geschäftsleitung des Energiewirtschaftlichen Instituts an der Universität zu Köln (Quelle: ewi)
Dr. Dietmar Lindenberger, Mitglied der Geschäftsleitung des Energiewirtschaftlichen Instituts an der Universität zu Köln (Quelle: ewi)
Dr. Sebastian Bolay, Leiter des Referats Energie und Klimapolitik des Deutschen Industrie- und Handelskammertages(Quelle: DIHK)
Dr. Sebastian Bolay, Leiter des Referats Energie und Klimapolitik des Deutschen Industrie- und Handelskammertages(Quelle: DIHK)