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Management

Neuer Chef aus Holland?

Immer mehr Senior-Chefs gelingt es nicht, die Nachfolge in ihrer Firma zu regeln. Unerwartete Hilfe könnte aus den Niederlanden kommen.

Bild oben: (Foto: © BillionPhotos.com– stock.adbobe.com)
Die Nach­fol­ge­frage wird zu ein­er im­mer drän­gen­deren Her­aus­forderung für den Mit­tel­s­tand: 45 Prozent der Se­nior-Fir­menchefs in Deutsch­land fin­d­en kei­nen geeigneten Kan­di­dat­en zur Stabüber­gabe – mehr als je zu­vor. An­der­er­seits hat­ten 49 Prozent der über­nah­mewil­li­gen Jun­gun­terneh­mer bei der Suche eines geeigneten Be­triebs bish­er kei­nen Er­folg, wie sich aus dem Re­port „Un­terneh­men­s­nach­folge 2016“ des Deutschen In­dus­trie- und Han­del­skam­mer­tags (DIHK) ergibt.

Deutsche Fir­men sind be­son­ders in­teres­sant

(Foto: ©  BillionPhotos.com– stock.adbobe.com)
(Fo­to: © Bil­lion­Pho­tos.com– stock.ad­bobe.com)

Für manch eine Fir­ma ohne Nach­fol­ger kön­nte es In­teressen­ten in den Nied­er­lan­den geben. Für die Wirtschaft aus dem Nach­bar­land ist Deutsch­land, vor allem aber Nor­drhein-West­falen, seit Langem wichtig: Laut NRW In­vest haben rund 4.000 und damit 46 Prozent der in Deutsch­land ak­tiv­en nied­er­ländischen Un­terneh­men ihren Sitz in NRW. Im Rhein­land führen die Nied­er­lande die Top Ten der aus­ländischen Han­del­s­reg­is­ter-Un­terneh­men mit großem Ab­s­tand an. M&A-Tran­sak­tio­nen (Merg­ers & Ac­qui­si­tions, Fu­sio­nen und Über­nah­men) zwischen Deutsch­land und den Nied­er­lan­den fin­d­en im­mer wied­er statt. Zwar wer­den sie nach Vol­u­men und Län­dern nicht statis­tisch er­fasst, doch seit eini­gen Jahren über­wie­gen of­fen­bar die Über­nah­men in West-Ost-Rich­tung. Beispiele aus jüng­ster Zeit: Ak­zoNo­bel (BASF In­dus­trielacke), Ken­dri­on (Kuhnke) und Ene­co (Licht­Blick). Vor dem Zusam­men­bruch von Leh­man Brothers & Co. ver­sprachen Di­rekt­in­vesti­tio­nen in den Nied­er­lan­den eine höhere Ren­dite als In­vest­ments in Deutsch­land. Seit 2008 aber ist das Ver­hält­nis umgekehrt, da Deutsch­land im Ver­gleich stärk­er aus der Krise her­vorg­ing. An­walt Paul Bave­laar, der In­vest­ments in beide Rich­tun­gen be­gleit­et, hält deutsche Fir­men darum in­zwischen für die in­teres­san­teren Kan­di­dat­en. Nach ein­er Studie von KMPG aus dem Jahr 2014 plante jed­er fünfte nied­er­ländische Fir­menchef, durch eine Über­nahme eines deutschen Un­terneh­mens Wach­s­tum erzielen zu wollen. Geld ist kein Problem, meint Recht­san­walt An­dreas Lutze, der eben­falls mit M&A-Deals in bei­den Rich­tun­gen er­fahren ist: „Nied­er­ländische Fam­i­lie­nun­terneh­mer haben nach mein­er Ein­schätzung eine gut ge­füllte ‚Kriegskasse‘.“

Zu­gang zum deutschen Markt


Fir­men aus Pro­duk­tion, her­stel­len­der In­dus­trie und Lo­gis­tik sind am eh­esten an einem En­gage­ment in Deutsch­land in­teressiert. Sie stoßen in einem Land mit knapp 17 Mil­lio­nen Ein­woh­n­ern an ihre Wach­s­tums­grenzen und drän­gen in das Nach­bar­land mit sei­nen über 80 Mil­lio­nen Ein­woh­n­ern. „Wir haben be­wusst An­sch­luss an den deutschen Markt ge­sucht“, sagt der Chef eines nied­er­ländischen Pro­duzen­ten für Re­cy­cling­maschi­nen, der 2013 ei­nen Maschi­nen­bauer in Nor­drhein-West­falen über­nahm. „Deutsch­land ist tra­di­tionell stark bei Kap­i­tal­gütern und Maschi­nen­bau. Durch diese Über­nahme kön­nen wir das starke La­bel ‚Made in Ger­many‘ für unsere Re­cy­cling­maschi­nen nutzen.“ Aus ein­er Recherche im deutschen Han­del­s­reg­is­ter er­gab sich eine Liste potenzieller Über­nah­mekan­di­dat­en. Einige von ih­nen wur­den auf ein­er Fachmesse näher in Au­gen­schein genom­men; drei ka­men in die nähere Wahl. „Eines dies­er Un­terneh­men ver­fügte über in­no­va­tive En­gi­neer­ing-Di­en­stleis­tun­gen, zusam­men mit einem Ser­vice-Konzept, das auch unsere Po­si­tion in den Nied­er­lan­den ver­stärken kon­n­te“, so der CEO der Re­cy­cling-Maschi­nen­fir­ma. Mit dem neuen Ser­vicekonzept ließ sich der Um­satz in den Nied­er­lan­den seit der Über­nahme um 20 Prozent und in Deutsch­land so­gar jähr­lich zweis­tel­lig steigern.

Za­u­ber­formel 1 + 1 = 3


„Eine gute Über­nahme muss die ein­fache Summe 1 + 1 = 3 sein. Sonst sollte man gar nicht erst damit an­fan­gen.“ Auf die­sen Nen­n­er bringt es Hu­ub van der Vrande, der CEO von Ne­ways Elec­tron­ics In­ter­na­tio­n­al, dem börsen­notierten viert­größten Pro­duzen­ten kom­plex­er Elek­tronik von Eu­ro­pa. Ne­ways kon­nte nach der Über­nahme des deutschen Elek­tronik­w­erks BuS den dorti­gen Um­satz um 35 Prozent steigern. Für kaum eine Branche ist der deutsche Markt so entschei­dend wie für Au­tozulief­er­er: „Wir woll­ten gern im Ein­k­lang mit unseren Kun­den im deutschen Au­to­mo­tive-Bereich wach­sen“, sagt van der Vrande. „Wir hat­ten schon eine gewisse Größe, aber waren für unsere Kun­den in der Au­to­branche zu klein.“ Mehr Ef­fizienz und Ren­dite er­brachte et­wa die Um­stel­lung auf eine gerin­gere Fer­ti­gungstiefe, als sie in Deutsch­land viel­fach üblich ist – al­so: weniger selbst machen, mehr zukaufen.

Preisvorteil, Branchen­affinität, Kont­i­nu­ität


Für Jan Tem­mink, der mit sein­er Fir­ma CMP den nied­er­ländischen Re­cy­cling­maschi­nen­her­steller be­gleit­ete, hat die Über­nahme ein­er deutschen durch eine nied­er­ländische Fir­ma mehrere Vorteile: „Gren­züber­schrei­t­ende Über­nah­men sind im­mer strate­gische Über­nah­men, um im an­deren Land Marktzu­gang zu er­hal­ten. Bei solchen Tran­sak­tio­nen ste­ht der Preis nicht im Vorder­grund. Davon pro­f­i­tiert der Verkäufer. Darüber hi­naus sind den Deutschen die Branche­naffinität sowie Kont­i­nu­ität sehr wichtig. Bei­des kön­nen Nied­er­län­der bi­eten.“

Em­pathie und Re­spekt


Dies sie­ht auch Michael Buch­wald, Part­n­er bei der Wirtschaft­sprü­fungs­ge­sellschaft KP­MG in Düs­sel­dorf, so: „Deutsche Un­terneh­mer wollen ihr Un­terneh­men in gute Hände geben. Nied­er­ländischen Un­terneh­mern ver­trauen sie in dies­er Hin­sicht am meis­ten.“ Deutsche Se­nior-Chefs, die be­fürcht­en, dass am Tag nach der Über­nahme das alte Fir­men­schild vom Dach genom­men wird, kann er beruhi­gen: „Nied­er­län­der nei­gen eher dazu, dem über­nomme­nen Un­terneh­men eine zu freie Hand zu lassen.“ Hu­ub van der Vrande fin­d­et ganz ähn­lich, dass man einem über­nomme­nen Un­terneh­men mit „Em­pathie und Re­spek­t“ begeg­nen müsse. An­walt Lutze sie­ht noch ei­nen weit­eren Vorteil für die deutsche Seite im Über­nah­me­prozess: Ihr ist in der Regel der ju­ris­tische As­pekt wichtig, der nied­er­ländischen dage­gen eher der be­trieb­swirtschaftliche. Die deutsche Ver­trags­partei wird al­so in der Regel ohne große Sch­wierigkeit­en deutsch­es Recht festle­gen kön­nen. Auch an­son­sten sind sich beide Seit­en zuge­tan: Nied­er­län­der schätzen an deutschen Geschäfts­part­n­ern ihre Ko­r­rek­theit, deutsche Fir­men an nied­er­ländischen den höheren In­no­va­tions­grad, vor allem in Fir­menor­gan­i­sa­tion und IT-Bereich, sowie den globaleren Blick auf die Welt.
Rund 60 Prozent der Über­nah­men und Fu­sio­nen deutsch­er Fir­men wur­den zulet­zt von deutschen Fir­men getätigt. 2012 waren es laut ZEW-Ze­phyr M&A-In­dex nur 50 Prozent. Über­nah­men aus dem außereu­ropäischen Raum lie­gen mit 26 Prozent auf dem nie­drig­sten Stand seit fünf Jahren – an­ders, als die Aufre­gung um chi­ne­sische Einkauf­s­touren ver­muten lässt. Der An­teil aus­ländisch­er Käufer aus der Eu­ro-Zone ist dafür in den let­zten drei Jahren von zehn auf 14 Prozent leicht angestie­gen. Um für In­teressen­ten aus dem Nach­bar­land in­teres­sant zu sein, brauchen deutsche Chefs die „Braut“ übri­gens nicht ei­gens hüb­sch zu machen. „Nied­er­län­der wis­sen den Fokus auf Tech­nik und Funk­tio­n­al­ität bei potenziellen deutschen Über­nah­mekan­di­dat­en zu schätzen“, meint Jan Tem­mink. Wenn al­so eine Fir­ma ihre Ar­beit gut macht, dann ist sie schon at­trak­tiv genug. Claas Möller | re­dak­tion@re­vi­er-ma­n­ag­er.de

Ausgabe 04/2017