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Business

Mit Vollgas ins frische Jahr

Im Kampf mit zahlreichen Konkurrenzprodukten steht der Autohandel stark unter Druck. Und von einer Elektrifizierung des Verkehrs ist Deutschland noch weit entfernt. Ein weiteres Übergangsjahr steht an.

Bild oben: Der 86. Genfer Automobilsalon zeigt schon heute die Autos von morgen (Quelle: Marcel Sommer)
Kaum ist die 86. Au­tomesse in Genf ge­le­sen, das au­to­mo­bile Au­to­jahr dem­nach endlich auch in Eu­ro­pa angekom­men, heißt es für viele Au­to­händler: Jet­zt kommt der harte All­t­ag zurück. Die noch vor einem Jahr aufkei­mende Hoff­nung auf zah­l­lose Hy­brid- und an­dere al­ter­na­tive An­trieb­s­lö­sun­gen kann auch in die­sem Jahr nicht bestätigt wer­den. Im Fokus stan­den mal wied­er die großen, die sch­nellen und vor allem die gar nicht so umwelt­fre­undlich da­herk­om­men­den Au­to­mo­bile. Sehr zum Glück des Au­to­han­dels stahlen je­doch so manche Fam­i­lienkutsche und auch Klein- sowie Kom­pakt­wa­gen den Su­per­s­portlern die Show. Doch damit nicht genug. Denn schon lange vor dem Gen­fer Au­to­mo­bil­sa­lon stand fest: Die Zukunft rollt nicht nur in fam­i­lien­tauglichen Kom­pakt­wa­gen vor, son­dern zum ei­nen ganz von allein und zum an­deren mit jed­er Menge In­fo­tain­ment an Bord. „In fünf Jahren sind wir so weit, dass der Volk­swa­gen-Konz­ern Au­tos her­stellt, die vol­lkom­men autonom fahren kön­nen, die wed­er ein Lenkrad noch ein Pe­dal haben“, ver­rät Jo­hann Jung­wirth, seines Zeichens Head of Dig­i­tal Trans­for­ma­tion bei Volk­swa­gen. Allerd­ings fährt VW nicht allein in dies­er Zukunft­spur. Ob Mercedes, BMW oder Vol­vo – die ganze Au­to­mo­bil­welt will den Fahr­er ent­las­ten bzw. ihm so­gar kom­plett das Lenkrad aus den Hän­den neh­men. Die Zahl der Her­steller, die sich ge­gen die­sen Trend stem­men, ist ver­sch­win­dend ger­ing. Ein­er von ih­nen ist noch Subaru, der größte All­rad­fahrzeugher­steller der Welt. „Von uns wird so et­was nicht zu er­warten sein“, heißt es kurz bei den Ja­pan­ern. Dem set­zt VW-Vor­s­tandsvor­sitzen­der Mat­thias Müller ei­nen starken Satz ent­ge­gen: „Wenn die Au­toin­dus­trie nicht Ge­fahr laufen will, zum Hard­ware­lie­fer­an­ten de­gradiert zu wer­den, dann müssen wir uns die großen tech­nischen Trends jet­zt selbst zunutze machen.“

On­line-Por­tale klar auf dem Vor­marsch

Der 86. Genfer Automobilsalon zeigt schon heute die Autos von morgen (Quelle: Marcel Sommer)
Der 86. Gen­fer Au­to­mo­bil­sa­lon zeigt schon heute die Au­tos von mor­gen (Quelle: Mar­cel Som­mer)

Gleich­es gilt natür­lich auch für den Au­to­han­del selbst. Längst sind Platt­for­men wie mo­bile.de und au­tos­cout24.de zur zeits­paren­den Al­ter­na­tive zum konser­va­tiv­en Au­to­mo­bil­markt em­porgestie­gen. Ein paar Klicks und schon er­scheint das vermeintliche Wun­sch­fahrzeug. Dass es bei solch einem Vorge­hen nicht im­mer nur fair zuge­ht, ist lei­der zu er­warten. Und so gilt auch nach einem Jahr noch der Satz von Ul­rich Fromme, dem seit elf Jahren amtieren­den Vizepräsi­den­ten des Zen­tralver­ban­des Deutsch­es Kraft­fahrzeuggewerbe (ZDK), der in die­sem Som­mer nicht mehr zur Wahl an­treten wird: „Nach wie vor beste­ht das Problem, dass ein rel­a­tiv klein­er Kreis von Au­to­mo­bil­händlern in Deutsch­land hin­ter den Kulis­sen mit den In­ter­netver­mittlern kooperi­ert – und zwar zum Nachteil und auf Kosten des wei­taus größeren Kreis­es von Au­to­mo­bil­händlern, die eben nicht mit den Ver­mittlern zusam­me­nar­beit­en. Für mich stellt sich hi­er die Frage, ob wir in der Branche über­haupt noch von fairen Wett­be­werbsbe­din­gun­gen sprechen kön­nen.“ Dass der dig­i­tale Au­to­han­del nicht mehr wegzu­denken ist, muss klar sein. Doch ge­ht es nun darum, die alte mit der neuen Welt so zu verknüpfen, dass nie­mand hin­tüber fällt und zurück­bleibt.

Kfz-Gewerbe wächst

Der Volvo XC60 ist eines der wenigen Hybrid-Modelle auf dem Genfer Salon 2017 (Quelle: Marcel Sommer)
Der Vol­vo XC60 ist eines der weni­gen Hy­brid-Mod­elle auf dem Gen­fer Sa­lon 2017 (Quelle: Mar­cel Som­mer)


Er­freulich in dies­er Zeit ist die Tat­sache, dass die Fahrzeugverkäufe und Werk­s­tat­taufträge den Um­satz im Kfz-Gewerbe 2016 um 9,9 Prozent auf knapp 172 Mil­liar­den Eu­ro anwach­sen ließen. „Wenn sich die Um­satzren­dite ähn­lich en­twick­elt hätte, wäre die Freude noch et­was größer“, sagte ZDK-Präsi­dent Jür­gen Kar­pin­s­ki auf der Jahre­s­pressekon­ferenz in Ber­lin. Die vor­läu­fige Durch­sch­nitt­s­ren­dite komme mit 1,6 bis 1,9 Prozent nicht wirk­lich von der Stelle (Vor­jahr: 1,6 Prozent). „Wer den Au­to­han­del als un­verzicht­bare Sch­nitt­stelle zum Kun­den er­hal­ten will, muss ihm auch Luft zum At­men lassen. Und die fängt bei drei Prozent Min­de­stren­dite an.“ Rund 145.600 mehr verkaufte Neuwa­gen ließen den Um­satz in die­sem Geschäfts­feld um 4,9 Prozent auf 61 Mil­liar­den Eu­ro stei­gen (2015: 58,2 Mil­liar­den Eu­ro). Be­son­ders er­freulich und da­her auch er­wäh­nen­sw­ert: Der An­teil der Pri­vatkun­den am Neuwa­gengeschäft be­trug 35 Prozent und ist er­st­mals seit Langem wied­er gewach­sen (Vor­jahr: 34,2 Prozent). Zu­dem kann ein Wach­s­tum um ein Prozent im Ge­braucht­wa­gengeschäft auf et­was über 7,4 Mil­lio­nen Ein­heit­en verzeich­net wer­den. Das Kfz-Gewerbe hatte daran ei­nen An­teil von 68 Prozent, was ei­nen Um­satz von 67,6 Mil­liar­den Eu­ro und somit eine Steigerung von 17 Prozent zum Vor­jahr be­deutet. Um 5,6 Prozent stie­gen die Um­sätze im Werk­s­tatt­geschäft: 32 Mil­liar­den Eu­ro. Bis zu 85 Prozent waren die Werk­stät­ten im Durch­sch­nitt aus­ge­lastet.

Ungewis­sheit ge­genüber Die­sel-Zukunft


Während der ZDK davon aus­ge­ht, dass der Ge­braucht­wa­gen­markt sta­bil bleiben wird und mit rund 7,4 Mil­lio­nen Be­sitzum­schrei­bun­gen gerech­net wer­den darf, muss im Bereich der Neuzu­las­sun­gen mit einem leicht­en Rück­gang auf 3,2 Mil­lio­nen Ein­heit­en gerech­net wer­den. Den Grund sie­ht der ZDK in der zuneh­men­den Verun­sicherung der Ver­brauch­er in punc­to Die­sel­mo­tor-Zukunft. Fra­gen wie „Kommt die blaue Plakette?“ oder „Dro­ht mir ein Fahrver­bot?“ sind noch nicht gek­lärt. Dass die Verun­sicherung mittler­weile auch mess­bare Aus­maße angenom­men hat, zeigt der Ver­band an­hand ein­er For­sa-Um­frage bei Aut­o­fahr­ern. Auf die Frage nach der bevorzugten An­trieb­sart beim Au­tokauf in die­sem Jahr wür­den sich 51 Prozent für ei­nen Benzin­er entschei­den. Für 28 Prozent käme ein Die­sel in­frage. Im­mer­hin zehn Prozent er­wä­gen die An­schaf­fung eines Hy­brid­fahrzeugs und fünf Prozent wollen ein Elek­tro­fahrzeug an­schaf­fen. Drei Prozent denken über ein Fahrzeug mit Gas­an­trieb nach. „Bis vor Kurzem war der Die­sel noch die Top-Empfeh­lung der Umweltschütz­er, weil er für gute Werte beim CO2-Auss­toß prädes­tiniert ist. Ohne den Die­sel ist das von der EU fest­ge­set­zte Kli­maschutzziel eines Flot­ten­ver­brauch­sw­erts von 95 Gramm CO2 pro ge­fahren­em Kilome­ter ab dem Jahr 2020 wohl kaum zu er­reichen“, so Kar­pin­s­ki. Und wie schon der Gen­fer Au­to­mo­bil­sa­lon an­deutete, sie­ht auch ZDK-Präsi­dent Jür­gen Kar­pin­s­ki das Jahr 2017 als weit­eres Jahr des Über­gangs be­zo­gen auf die Elek­tro­mo­bil­ität. Solange sich das Preis-Leis­tungs-Ver­hält­nis nicht dem Kun­den­wun­sch an­nähert und gleichzeitig eine akzept­able Reich­weite zu er­warten ist, bleibt die viel zi­tierte angestrebte 1-Mil­lio­nen-Elek­troau­tos-Marke in un­er­reich­bar­er Ferne. In die­sem Jahr rech­net der ZDK mit einem Ab­satz von rund 15.000 rein bat­terie­be­triebe­nen Fahrzeu­gen sowie mit cir­ca 55.000 Hy­brid­fahrzeu­gen, darun­ter et­wa 22.000 Plug-in-Hy­bride. Mar­cel Som­mer | re­dak­tion@re­vi­er-ma­n­ag­er.de

Ausgabe 04/2017