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Management

Heimlich arbeiten

Julia Dombrowski fragt sich, wie viele Führungskräfte sich als Büropflanze tarnen, um nicht in den Urlaub zu müssen.

Bild oben: Foto: ©Bits and Splits_stock.adobe.com
Warum er denn so auf die Uhr schaue, fragte ich kür­zlich ei­nen be­fre­un­de­ten Abteilungsleit­er, mit dem ich in dessen Ur­laub beim Aben­dessen saß. Auf ir­gend­was lauerte er, und meine Ge­sellschaft kon­nte ihn nicht angemessen ablenken. Er warte auf den Feier­abend sein­er Mi­tar­beit­er, ant­wortete er. Bald würde auch die let­zte Sach­bear­bei­t­erin nach Hause ge­gan­gen sein, die im­mer ein bisschen später den Stift fall­en lasse als alle an­deren. Diese Ant­wort war nicht er­hel­lend: Wir hat­ten diese Verabre­dung im Res­tau­rant seit Wochen im­mer wied­er ver­schieben müssen, weil mein Fre­und viel Stress bei der Ar­beit hatte und ihm ständig et­was Drin­gen­des dazwischengekom­men war. Mittler­weile hatte die Un­terneh­menslei­tung ihn gezwun­gen, sei­nen kom­plet­ten Res­tur­laub aus dem Vor­jahr zu neh­men. Damit hat­ten wir endlich Zeit für eine pri­vate Verabre­dung. „Was passiert denn, wenn deine Mi­tar­beit­er in den Feier­abend ge­hen?“, fragte ich rat­los. „Ich kann heim­lich ins Büro, ohne dass mich je­mand er­wischt.“ „Du hast doch Ur­laub!“ „Aber doch nur, weil ich gezwun­gen werde!“
Der Ur­laub als zwangsverord­nete Phase der Un­tätigkeit, heim­lich­es Ar­beit­en als Er­lö­sung vor gäh­nen­der Langeweile während der Freizeitpflicht – Mo­ment mal, was sagt das ei­gentlich über meine Qual­itäten als Ge­sprächs­part­nerin aus? Plaud­ereien mit mir sind aber allem An­schein nach nicht die einzige Plage, die den Deutschen als Büro-Fi­cus ge­tarnt in den Feier­abend­s­tun­den zurück an den Schreibtisch treibt: Schätzun­gen ge­hen davon aus, dass Führungskräfte im Durch­sch­nitt ein gutes Drit­tel ihres Jahre­sur­laubs ver­fall­en lassen und lie­ber weit­erar­beit­en. Falls sie sich während der an­deren zwei Drit­tel fürs heim­liche Ar­beit­en gut tar­nen, ist die Dunkelz­if­fer möglicher­weise deut­lich höher als angenom­men. Aber was er­wartet den Deutschen schon im Ur­laub? Son­nen­ver­bran­nte Haut, Gewicht­szu­nahme nach Piz­za, Pas­ta, Wein und Cock­tails, Stre­it mit der Fam­i­lie, ver­lorene Kämpfe um Liegestüh­le am Hotelpool: zu viel Sand am Strand, zu viele Wellen im Wass­er. Deutsche Gerichte kämpfen nach jed­er Ur­laubs­sai­son mit ku­riosen Kla­gen ent­täuschter Ur­lau­ber: Mal wollte eine ent­täuschte Touristin ihr Geld vom Rei­sev­er­an­s­tal­ter zurück, weil der An­i­ma­teur, der im Vor­jahr wild mit ihr ge­flirtet hatte, die­s­es Jahr eine an­dere Flamme hatte. Mal ver­suchte ein deutsch­er Las-Ve­gas-Ur­lau­ber, Sch­merzens­geld zu er­streit­en, weil nie­mand ihn aufgek­lärt habe, dass die von King Elvis geschlossene Ehe mit der Reise­bekan­ntschaft auch in Deutsch­land gültig war. Ver­lorene Ge­bisse, die nach dem Alko­holexzess und an­sch­ließen­dem Übergeben unauffind­bar sind, aber von der Reisegepäck­ver­sicherung nicht erset­zt wer­den, ge­hören auch auf die „Alles schon vor Gericht gewe­sen“-Liste. Ur­laub ist für den Deutschen eben eine hoch­gradig aufwüh­lende Zeit, in der er sich furcht­bar viel ärg­ern muss.
Bess­er, die alte Ca­m­ou­flage-Hose aus dem Klei­der­schrank kra­men, auf You­Tube ein, zwei Lehrvideos über die An­sch­leich­tak­tiken der Apachen anse­hen und her­r­lich ungestörte Ar­beit­s­nächte im men­schen­leeren Büro ver­brin­gen. Vor­sicht, bitte: An­dere heim­lich ar­bei­t­ende Ur­laubs-Ver­weiger­er in Tarn­ho­sen, die gleich­falls über die Flure sch­leichen, er­höhen das Un­fall­risiko durch fahr­läs­sige Zusam­men­stöße im­mens. Bloß nicht die Ge­sund­heit ge­fähr­den, sonst dro­ht gleich die näch­ste Zwangs-
pause! Ju­lia Dom­brows­ki | re­dak­tion@re­vi­er-ma­n­ag­er.de

Ausgabe 06/2017



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Foto: ©Bits and Splits_stock.adobe.com
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