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Management

„KMU sollten sich diesen Veränderungen nicht verschließen!“

Zweiter Teil der Serie „Anders denken“: Interview mit dem Siegener Professor Madjid Fathi, einem Experten im Bereich Künstliche Intelligenz (KI) und Robotik.

Die Ar­beitswelt struk­turi­ert sich ger­ade nicht nur neu, wie wir im er­sten Teil der Se­rie beim The­ma „Shar­ing Econ­o­my“ gezeigt hat. Auch ihre Ak­teure än­dern sich zuneh­mend: Robot­er und in­tel­li­gente Sys­teme wer­den zukünftig noch stärk­er Teil unseres (Ar­beits-)Lebens sein. Was manche Men­schen als Jobkiller anse­hen, be­tracht­en an­dere als eine sin­n­volle Ergänzung und Un­ter­stützung. Wir haben Pro­fes­sor Mad­jid Fatih, Di­rek­tor des In­sti­tuts für Wis­sens­basierte Sys­teme und Wis­sens­ma­n­age­ment an der Uni­ver­sität Sie­gen, dazu be­fragt. Er ar­beit­et in zahl­reichen Pro­jek­ten an der Sch­nitt­stelle Men­sch-Mas­chine, die auch kleine und mit­tel­ständische Un­terneh­men be­tr­ef­fen.

RM: Wenn es um die The­men Kün­stliche In­tel­li­genz und Robotik in der Ar­beitswelt ge­ht, besch­leicht viele Men­schen in Deutsch­land noch ein Un­be­ha­gen. Ist es berechtigt, oder pro­f­i­tieren wir ins­ge­samt von dies­er En­twick­lung?
Mad­jid Fathi: In der Regel sucht die Welt der Wis­sen­schaft neue Ideen oder An­sätze, die den Ar­beits­markt bei der Lö­sung von kom­plex­en Proble­men un­ter­stützen und die Ar­beit­sprozesse ent­las­ten, ohne die Mi­tar­beit­er zu ent­lassen. Mit­tels KI-basiert­er Mod­elle wer­den men­sch­liche Fähigkeit­en si­muliert und in den Bereichen einge­set­zt, in de­nen Men­schen allein nicht die Präzi­sion oder die Sch­nel­ligkeit der Kom­bi­na­tion von ver­schie­de­nen As­pek­ten um­setzen kön­nen. Die heuti­gen Werkzeuge in der Medizin und Fein­mechanik kön­nen als gute Beispiele di­e­nen, dass wir langfristig von KI pro­f­i­tieren. Der an­fängliche Ge­danke in der Ge­sellschafft, dass der Ein­satz eine Ra­tio­n­al­isierung be­deuten kön­nte, hat im Laufe der Zeit an Gewicht ver­loren. Es wird vielmehr auf in­tel­li­gente Lö­sun­gen ge­set­zt, die eine Men­sch-Mas­chine-In­ter­ak­tio­nen un­ter­stützen und so Lö­sun­gen von Proble­men er­möglichen, die vorher nur müh­sam oder manuell durchge­führt wer­den mussten. Teil­weise etablieren sich so­gar neue Branchen.

RM: Wie kön­nen zwei unser­er Haupt­probleme hi­erzu­lande – Fachkräfte­man­gel und al­ternde Ge­sellschaft – wom­öglich davon pro­f­i­tieren?
Mad­jid Fathi: Eine im­mer äl­ter wer­dende Ge­sellschaft be­deutet heute eine Ex­tralast für jün­gere Mi­tar­beit­er, auf der an­deren Seite ex­istiert nicht genug Potenzial für in­no­va­tive und hoch qual­i­fizierte Tätigkeit­en. Dies­er Man­gel an Fachkräften kann die Wett­be­werbs­fähigkeit und die Ge­samtwirtschaft des Lan­des beein­trächti­gen. Hi­er wird der Be­darf an neuen Tech­niken mit mehr In­no­va­tion und krea­tiv­en, in­tel­li­gen­ten Tech­niken notwendig, um die Mi­tar­beit­er ent­sprechend zu ent­las­ten und Raum für de­rartige En­twick­lun­gen zu schaf­fen.

RM: Welche Branchen wer­den be­son­ders von der zuneh­men­den Au­to­ma­tisierung be­trof­fen sein? Welche Berufs­bilder wer­den erset­zt bzw. wer­den sich in den näch­sten Jahren tief greifend än­dern?
Mad­jid Fathi: Au­to­ma­tisierung und com­put­ergestützte Lö­sun­gen wer­den heute in allen Branchen, bis hin zu pri­vat­en Haushal­ten, einge­set­zt. Natür­lich pro­f­i­tieren Branchen wie Medizin, Lo­gis­tik, Pro­duk­tion­stech­nik, Luft- und Raum­fahrt oder auch das Mil­itär am meis­ten hi­er­von. In­tel­li­gente Sys­teme wer­den z. B. in Zukunft die Pflege zu Hause un­ter­stützen. Der Zu­s­tand von Pflegebedürfti­gen oder De­menz­erkrank­ten kann in ihr­er ei­ge­nen Umge­bung überwacht wer­den, oder durch com­put­ergestützte Train­ings kann eine län­gere Selb­st­ständigkeit und Ak­tiv­ität der Be­trof­fe­nen er­reicht wer­den. Auf diese Weise wer­den pfle­gende Ange­hörige, aber auch Pflege­heime ent­lastet, was im Zuge des de­mo­gra­fischen Wan­dels ei­nen im­mer mehr zu berück­sichti­gen­den Fak­tor darstellt.

RM: Und welche Berufs­bilder bleiben auf ab­se­h­bare Zeit in „Men­schen­hand“? Warum?
Mad­jid Fathi: Meines Er­acht­ens wird der Men­sch im­mer im Vorder­grund bleiben und die wichtig­ste Rolle in der Men­sch-Maschi­nen-In­ter­ak­tion ein­neh­men. Un­ab­hängig davon, wie weit sich die Tech­nolo­gie in den näch­sten Jahren en­twick­eln wird, kann sie die Krea­tiv­ität und In­no­va­tion­skraft des Men­schen nicht ersetzen. Der Men­sch ist in der Lage, neue in­tel­li­gente Maschi­nen oder Robot­er zu bauen und nicht die Maschi­nen. Die Rechengesch­windigkeit wiederum ist ein entschei­den­der Fak­tor, welch­er durch die Maschi­nen in den Ar­beit­sall­t­ag einge­bracht wird.

RM: Richt­en wir unseren Blick auf die klei­nen und mit­tel­ständischen Un­terneh­men (KMUs). Was be­deutet diese En­twick­lung speziell für sie?
Mad­jid Fathi: KMUs müssen aus mein­er Sicht den As­pekt „Nach­haltigkeit" in den Vorder­grund stellen, um langfristig im Wett­be­werb beste­hen zu kön­nen. Es müssen einige Fak­toren berück­sichtigt wer­den. Als Er­stes sollte der Wert der er­fahre­nen Mi­tar­beit­er nicht un­ter­schätzt wer­den, da mit ihrem Ver­lassen ein­er Fir­ma zumeist ein di­rek­ter Wis­sensver­lust ver­bun­den ist. Ein weit­er­er Fak­tor ist die In­te­gra­tion neuer Tech­nolo­gien, die die Möglichkeit­en schaf­fen, bei der En­twick­lung in­no­va­tiv­er zu han­deln. Ich bin sich­er, das In­dus­trie­land Deutsch­land braucht KMUs, die auf das ei­gene Hu­mankap­i­tal und dessen Wis­sen zurück­greifen, um so im starken Wett­be­werb zu beste­hen.

RM: Die Bun­des­regierung ist be­müht, die KMUs bei dies­er ras­an­ten En­twick­lung zu un­ter­stützen – et­wa mit so­ge­nan­n­ten Mit­tel­s­tand-4.0-Kom­pe­tenzzen­tren. Was kön­nen sie noch tun, um den Trend nicht zu ver­passen und ihn in­di­vi­du­ell in ihren Be­trieben umzusetzen?
Mad­jid Fathi: Die Bun­des­regierung hat schon be­gon­nen, Kom­pe­tenzzen­tren zu fördern, be­son­ders in Medizin und Pflege, wo es haupt­säch­lich um die Probleme ge­ht, wie man mit der im­mer äl­ter wer­den­den Ge­sellschaft umge­hen kann. Im Hin­blick auf In­dus­trie-4.0-Umge­bun­gen bi­eten sich auch kleinere Au­to­ma­tisierun­gen von Stan­dar­dauf­gaben in KMUs an. Es muss nicht zwin­gend alles mit Sen­soren und ein­er Vol­lau­to­ma­tisierung aus­ges­tat­tet sein, son­dern ent­sprechend dem Bud­get und den ei­ge­nen tech­nischen Fähigkeit­en der Mi­tar­beit­er kön­nen in­di­vi­du­elle, in­tel­li­gente Lö­sun­gen einge­set­zt wer­den. Im Rah­men der In­dus­trie 4.0 gilt es, insbe­son­dere für KMUs aufgeschlossen zu sein ge­genüber den Verän­derun­gen in den dig­i­tal­isierten Ar­beit­sprozessen, der Ver­net­zung der im­mer größer wer­den Daten­men­gen. KMUs soll­ten sich die­sen zuneh­men­den En­twick­lun­gen nicht ver­sch­ließen und die Verän­derun­gen nicht ver­sch­lafen.

RM: Wenn Robot­er Entschei­dun­gen tr­ef­fen, die uns­er Leben maßge­blich bee­in­flussen – wie ge­hen wir ethisch damit um? Brauchen wir bald „Roboterge­setze“?
Mad­jid Fathi: Egal wie weit hoch mod­erne Tech­nolo­gier­obot­er en­twick­elt wer­den und in unserem täglichen Leben Fuß fassen, wer­den sie mein­er Mei­n­ung nach in näch­ster Zeit nicht den Men­schen ersetzen, son­dern ihn in der Erledi­gung sein­er Auf­gaben un­ter­stützen. Sie wer­den uns durch die un­ter­schiedliche Kom­bi­na­tion und den Um­gang mit Dat­en und In­for­ma­tio­nen be­hil­flich dabei sein, die richti­gen Entschei­dun­gen zu tr­ef­fen. Aus mein­er Sicht deutet die Men­sch-Maschi­nen-In­ter­ak­tion da­rauf hin, dass der Robot­er si­muliert, was wir ihm vorgeben. Es ist uns klar, dass heutige Robot­er einige Auf­gaben präzis­er, sch­neller und zeit­gerechter erledi­gen kön­nen sowie in Bereichen einge­set­zt wer­den, wo für uns Men­schen Ge­fahren beste­hen. Robot­er wer­den in die­sen Bereichen so­gar neue Potenziale eröff­nen und ent­ge­gen der all­ge­mei­nen Mei­n­ung keine Ar­beit­s­plätze ersetzen, son­dern lediglich Verän­derun­gen und Verbesserun­gen an­s­toßen.

RM: Pro­fes­sor Fathi, her­zlichen Dank für das Ge­spräch! Tho­mas Cor­rinth I re­dak­tion@re­vi­er-ma­n­ag­er.de

Ausgabe 01/2017



WEITERE INHALTE

Professor Madjid Fathi ist Direktor des Instituts für Wissensbasierte Systeme und Wissensmanagement an der Universität Siegen
Professor Madjid Fathi ist Direktor des Instituts für Wissensbasierte Systeme und Wissensmanagement an der Universität Siegen