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„Es gibt keinen Königsweg“

Prof. Dr. Andrea Calabrò vom Wittener Institut für Familienunternehmen (WIFU) erklärt, wie sich Familienunternehmen auf internationalem Parkett bewegen.

Eine in­ter­na­tio­nale Aus­rich­tung ist seit vielen Jahrzeh­n­ten eine be­son­dere Stärke von deutschen Fam­i­lie­nun­terneh­men. Grund­lage die­s­es Er­fol­gs sind et­wa der pos­i­tive Ruf der deutschen Un­terneh­men im Aus­land (Stich­wort „made in Ger­many“) und die generell pos­i­tiv­en As­sozi­a­tio­nen mit dem Konzept „Fam­i­lie­nun­terneh­men“ in in­ter­na­tio­nalen Märk­ten. Prof. Dr. An­drea Calabrò vom Wit­ten­er In­sti­tut für Fam­i­lie­nun­terneh­men erk­lärt, wie deutsche Fam­i­lie­nun­terneh­men auf in­ter­na­tio­nalem Par­kett agieren und wovon ihr Er­folg dabei ab­hängt.

RM: Worin un­ter­schei­den sich Fam­i­lie­nun­terneh­men und Nicht-Fam­i­lie­nun­terneh­men hin­sichtlich ihr­er in­ter­na­tio­nalen Aus­rich­tung?

Prof. Dr. An­drea Calabrò: Im Ver­gleich zu Nicht-Fam­i­lie­nun­terneh­men ver­läuft die In­ter­na­tio­n­al­isierung von Fam­i­lie­nun­terneh­men zumeist et­was langsamer, dafür aber deut­lich risikoärmer. Dies liegt insbe­son­dere daran, dass In­ter­na­tio­n­al­isierungss­trate­gien in der Regel mit einem ho­hen Kap­i­talein­satz und er­he­blichen Risiken für die iden­titätss­tif­tende Wirkung des Un­terneh­mens oder die An­erken­nung im fam­i­lien­frem­den Um­feld ver­bun­den sind. Trotz dies­er un­ter­schiedlichen Vo­raus­set­zun­gen sind die Un­ter­schiede zwischen den bei­den Un­terneh­men­s­typen in Bezug auf die In­ter­na­tio­n­al­isierung im En­d­ef­fekt über­raschend ger­ing (sie­he IN­FO-Kas­ten).

RM: Wie se­hen In­ter­na­tio­n­al­isierungss­trate­gien bei Fam­i­lie­nun­terneh­men aus?

Prof. Dr. An­drea Calabrò: Es gibt kei­nen „Königsweg“ in der Festle­gung ein­er In­ter­na­tio­n­al­isierungss­trate­gie für Fam­i­lie­nun­terneh­men. Die über­wälti­gende Mehrzahl – in unser­er Studie et­wa drei Vier­tel der Be­fragten – set­zt weit­er­hin auf rel­a­tiv risikoarme Strate­gien wie Di­rek­t­ex­porte oder die Grün­dung ein­er ei­ge­nen Ver­triebs­ge­sellschaft im Aus­land. Dies bi­etet den Vorteil, dass alle größeren un­terneh­merischen Entschei­dun­gen weit­er­hin in den Hän­den der Ei­gen­tümer­fam­i­lie ver­bleiben und zu­dem in der Regel die Höhe der In­vesti­tion­skosten über­schaubar bleibt. Rund ein Drit­tel der Fam­i­lie­nun­terneh­men ge­hen allerd­ings auch das Risiko der Akqui­si­tion von aus­ländischen Fir­men ein. Die Stärke des Wirtschafts­s­tan­dorts Deutsch­lands, nie­drige Leitzinsen oder auch gün­stige Kaufziele haben nicht nur die Fi­nanzierungsprobleme in den let­zten Jahren entschärft; Fam­i­lie­nun­terneh­men haben sich auch auf diese Form der In­ter­na­tio­n­al­isierungss­trate­gie eingestellt, et­wa durch den Auf­bau ei­gen­er M&A-Abteilun­gen bzw. -Stellen, ihre gewach­sene Er­fahrung mit Akqui­si­tio­nen im Aus­land oder auch dem geziel­ten Ein­satz ex­tern­er Be­r­ater.

RM: Welche Rolle spielt das jew­eilige Pro­dukt- oder Di­en­stleis­tungsange­bot dabei?

Prof. Dr. An­drea Calabrò: Wir beobacht­en, dass die In­ter­na­tio­n­al­isierung durchaus von der jew­eili­gen Branche eines Fam­i­lie­nun­terneh­mens bee­in­flusst wird. Der Ex­por­tan­teil ist un­ter in­dus­triellen Fam­i­lie­nun­terneh­men z.B. deut­lich stärk­er aus­geprägt als bei den Han­dels- und Di­en­stleis­tung­sun­terneh­men. Allerd­ings le­g­en auch stark in­ter­na­tio­n­al aus­gerichtete, in­dus­trielle Fam­i­lie­nun­terneh­men den Fokus ihr­er In­vesti­tio­nen weit­er­hin auf den heimischen Stan­dort. Diese Un­terneh­men bauen damit zwar auch ihre aus­ländischen Stan­dorte aus, allerd­ings nicht auf Kosten des heimischen Stan­dorts. Dies geschie­ht nicht zulet­zt in­folge des Wun­schs der Ei­gen­tümer­fam­i­lie, die re­gio­nale Ver­bun­den­heit ihres Un­terneh­mens zu wahren sowie weit­er­hin eine iden­titätss­tif­tende Wirkung auf Fam­i­lien­mit­glied­er und Mi­tar­beit­er auszus­trahlen.

RM: Welche Rolle spielen Net­zw­erke dabei?

Prof. Dr. An­drea Calabrò: Fam­i­lie­nun­terneh­men ver­fü­gen im Ver­gleich zu an­deren Un­terneh­mens­for­men über eine Rei­he spezieller Net­zw­erke, wie et­wa mit fam­i­lien­frem­den Geschäfts­führ­ern, Kun­den, Geschäfts­part­n­ern, Reg­ulierungs­be­hör­den und Fam­i­lien im Aus­land. Durch solche Net­zw­erkverbin­dun­gen ges­tal­tet es sich für Fam­i­lie­nun­terneh­men in der Regel ein­fach­er, ihre Nachteile hin­sichtlich geringer fi­nanzieller Res­sour­cen und Kom­pe­tenzen aufzuwie­gen. Wir beobacht­en allerd­ings auch, dass Fam­i­lie­nun­terneh­men nicht im­mer sehr strate­gisch bei der Knüp­fung neuer Net­zw­erke vorge­hen, son­dern eher auf beste­hende In­for­ma­tion­skanäle mit an­deren Fam­i­lie­nun­terneh­men zurück­greifen, um an geeignete In­for­ma­tio­nen über in­ter­na­tio­nale Märkte zu ge­lan­gen. Ger­ade in Nischen­märk­ten sind ver­läss­liche Markt­dat­en aber häu­fig nur sch­wierig zugänglich. Aus die­sem Grund bi­etet es sich in der Regel an, für die In­ter­na­tio­n­al­isierung in ge­o­gra­fisch und kul­turell ferne Län­der auch auf an­dere Net­zw­erke zurück­zu­greifen, in Chi­na z.B. auf die Deutsch-Chi­ne­sische Han­del­skam­mer.

RM: Die Praxis zeigt, dass viele Fam­i­lie­nun­terneh­men, die den Schritt auf den in­ter­na­tio­nalen Markt wa­gen, sehr er­fol­greich sind. Warum trauen sie sich den­noch sel­ten­er als Nicht-Fam­i­lie­nun­terneh­men?

Prof. Dr. An­drea Calabrò: Dies ist größ­ten­teils von den in­di­vi­du­ellen Be­weg­grün­den der Ei­gen­tümer­fam­i­lien ab­hängig. Fam­i­lie­nun­terneh­men scheuen oft­mals die mit der In­ter­na­tio­n­al­isierung ein­herge­hende Ungewis­sheit, da kei­nes­falls der Ver­lust des Fam­i­liene­in­fluss­es – et­wa bei einem Joint Ven­ture – riskiert wer­den soll. Dies kann sich et­wa in der Ver­ringerung der iden­titätsschaf­fen­d­en Wirkung des Un­terneh­mens, dem Anse­hen im fam­i­lien­frem­den Um­feld oder der be­gren­zten Möglichkeit der Ein­fluss­nahme auf un­terneh­merische Entschei­dun­gen äußern.

RM: Was muss passieren, damit sich das än­dert?

Prof. Dr. An­drea Calabrò: Für Fam­i­lie­nun­terneh­men beste­ht durchaus eine Rei­he von Möglichkeit­en, wie sie den Ein­fluss der Ei­gen­tümer­fam­i­lie langfristig er­hal­ten kön­nen, ohne aber Wach­s­tumspotenziale im Aus­land aufzugeben. Entschei­dend ist dabei der Rück­griff auf geeignete ex­terne Hil­fen, wie z.B. durch weitere Kap­i­tal­ge­ber, fam­i­lien­fremde Geschäfts­führ­er im In- und Aus­land oder aber auch die Ein­rich­tung eines Bei­rats. Wichtig ist dabei, dass Fam­i­lie­nun­terneh­men dazu bere­it sein müssen, fremde Hilfe und ex­terne Res­sour­cen auch anzuneh­men. Dabei müssen nicht alle ex­ter­nen Res­sour­cen gleichzeitig in An­spruch genom­men wer­den. Der Ein­satz eines fam­i­lien­frem­den Geschäfts­führ­ers und eines pro­fes­sionellen Bei­rats emp­fiehlt sich z.B. weniger, wenn das Fam­i­lie­nun­terneh­men bere­its über ei­nen weit­eren Ei­gen­tümer ver­fügt, der das ent­sprechende Know-how in eine In­ter­na­tio­n­al­isierungss­trate­gie ein­bringt.

RM: In­wie­fern haben aktuelle poli­tische Ereig­nisse wie der Brex­it Auswirkun­gen auf das In­ter­na­tio­n­al­isierungsver­hal­ten von Fam­i­lie­nun­terneh­men?

Prof. Dr. An­drea Calabrò: Wen­n­gleich die mit­tel- und un­mit­tel­baren Fol­gen des Brex­its noch nicht voll­ständig ab­se­h­bar sind, wer­den Fam­i­lie­nun­terneh­men ihre Aus­lands­in­vesti­tio­nen in Großbri­tan­nien sicher­lich über­denken. Un­k­lare rechtliche und poli­tische Rah­menbe­din­gun­gen im Aus­land bil­den in der Regel ein Haupthemm­nis für ein Aus­land­sen­gage­ment; dazu kommt auch möglicher­weise eine er­sch­w­erte Rekru­tierung von geeigneten Mi­tar­beit­ern, welche die Geschäfte vor Ort führen kön­nen.

Tho­mas Cor­rinth I re­dak­tion@re­vi­er-ma­n­ag­er.de

Prof. Dr. Andrea Calabrò ist Professor für ABWL und Familienunternehmen am Wittener Institut für Familienunternehmen (WIFU)
Prof. Dr. An­drea Calabrò ist Pro­fes­sor für AB­WL und Fam­i­lie­nun­terneh­men am Wit­ten­er In­sti­tut für Fam­i­lie­nun­terneh­men (WI­FU)

Ausgabe 08/2016



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